Drei Dinge, die einen guten Mentor ausmachen

28.08.2017

Lange Zeit habe ich in meinem Berufsleben gemeint, ich hätte keine Mentoren. Und zugegeben – ich war ziemlich stolz darauf. Vor allem in den ersten Jahren meiner Selbstständigkeit hing das sicher mit einer jugendlichen Selbstüberschätzung oder mit meinem großen Wunsch nach Autonomie zusammen. Vielleicht auch damit, dass mein Bild von einem Mentor eng verknüpft war mit der Vorstellung von einer Person, die einem Türen öffnet, Kontakte herstellt und in schwierigen Situationen die rettende Hand reicht. Aus meiner heutigen Perspektive kann ich in viele Unternehmen schauen und weiß, dass es sie tatsächlich gibt, diese Art von Mentoren, die bewusst und offensichtlich die Karriere ihrer Mentees fördern und Aufstiegspfade ebnen. Und ich sehe auch, dass ein solches offenkundiges Bevorzugen weder den Mentees noch der Unternehmenskultur gut tut.

Wenn ich in meine eigene Berufsbiografie schaue, so waren die Menschen für mich gute Mentoren, die im richtigen Moment die richtigen Fragen gestellt haben, die meine Perspektiven erweitert und mir aus dem gedanklichen Hamsterrad geholfen haben. Oft habe ich das gar nicht als Mentoring wahrgenommen, sondern zunächst einfach als kollegialen Austausch. Erst wenn sich solche Situationen wiederholten, wenn ich mehrmals von ihrer Zuwendung profitiert hatte und auch in heiklen Situationen überlegte, was diese Person mir wohl empfehlen würde, wurde mir –  oft erst rückblickend – bewusst, dass das womöglich ein Mentoring war.

Ich glaube, dass es drei Dinge sind, die einen guten Mentor ausmachen:

1. Bestärken: ein guter Mentor legt den Fokus auf die Bestätigung und Erweiterung der Stärken seines Mentees. Er erkennt seine Kompetenzen und sein Potenzial, er unterstützt ihn, gute Ideen zu identifizieren, zu überprüfen und umzusetzen und gelegentlich hilft er auch dabei, einen langen Atem zu behalten. Bei aller Bestärkung, die ein Mentor anbieten kann, wird er auch bereit sein, zuzulassen, dass sein Mentee seine eigenen Fehler macht – und ihn dann dabei bestärken, auf eine gute Weise mit der daraus resultierenden Lernaufgabe umzugehen.

2. Zutrauen: ein Mentor hat ein tiefes Zutrauen, dass der Mentee seine Aufgaben gut bewältigen wird. Wenn der Mentee (ver-)zweifelt, erinnert der Mentor an Dinge, die bereits bewältigt wurden. Und wenn der Weg lang, steil und steinig ist, ist es der Mentor, der darauf aufmerksam macht, dass das Equipment passt und die Muskelkraft reicht.

3. Ehrlich sein: das könnte die größte Anforderung sein. Ein guter Mentor bietet dem Mentee seine Professionalität und seine Erfahrung an, er denkt mit – und er bewertet die Situation, das Geschehen oder das Vorhaben. Die Kunst liegt häufig darin, hier eine ehrliche Einschätzung zur Verfügung zu stellen – aber nicht mehr. Die Entscheidung, was letztlich passieren wird, trifft nicht der Mentor.

Als ich realisiert habe, dass ich ohne meine Mentoren niemals die geworden wäre, die ich heute bin, nicht so selbst-bewusst und positiv im Leben stehend, wurde mir auch klar, dass ein gutes Mentoring zwar den beruflichen Erfolg des Mentees im Fokus hat, aber ebenso sehr auch seine Persönlichkeitsentwicklung. Ich bin davon überzeugt, dass eine stabile, konstruktive und zugewandte Persönlichkeit mindestens ebenso wichtig für einen langfristigen und nachhaltigen Erfolg ist wie die fachliche Expertise oder unternehmerische Qualität eines Menschen.

Viele Menschen, die in ihrem Beruf Verantwortung tragen – ob fachlich oder als Führungskraft macht nur einen geringen Unterschied – kommen im Laufe der Zeit zu ähnlichen Einsichten. Sie erkennen in ihrem Umfeld und an ihrer eigenen Entwicklung, dass Persönlichkeitsentwicklung ein entscheidender Faktor für den beruflichen Erfolg aber auch für die individuelle Lebenszufriedenheit ist.

Manchmal braucht es ein halbes Arbeitsleben, um bestimmte Qualitäten wirklich leben zu können. Am Berufsanfang ist oft das (olympische) Motto „höher – schneller – weiter“ entscheidend, um voranzukommen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich das oft ins Gegenteil, nämlich „tiefer – langsamer – näher“. Führungskräfte, die diesen Prozess für sich durchlaufen haben, sind oft die geborenen Mentoren.

Vielleicht merken sie gerade jetzt beim Lesen dieser Gedanken, dass sie schon dabei sind, andere zu unterstützten, zu beraten und im besten Sinne zu fördern. Mich würde es freuen!