Führen und Leben in Zeiten der Unsicherheiten

04.11.2016

Wir leben in bewegten Zeiten!

Das ist keine riskante Behauptung und mein Sohn würde eine solche Aussage leicht abwertend als No-Brainer bezeichnen.

Brexit, bald tägliche Terroranschläge in Europa, militärische und zivile Putsche in der Türkei, Kriege im Nahen Osten und Flüchtlingsströme rund um die Welt, Präsidentschaftswahlen in den USA und in Österreich, Re-Nationalisierungen und das Vorrücken autokratischer und autoritärer Systeme eigentlich in der ganzen Welt – diese Aufzählung ist weder vollständig noch ist sie beruhigend.

Es hat erstmal nichts mit den Geschäftsmodellen zu tun, die wir als Führungskräfte und als unternehmerisch handelnde Menschen treiben, es hat aber etwas mit den Menschen zu tun mit denen wir arbeiten.

Dazu eine Beobachtung, die Sie vielleicht direkt nachvollziehen können: nahezu auf allen netten Veranstaltungen in meinem Privatleben, Parties, Hochzeiten, gemeinsame Abendessen mit Freunden, überall wird nach dem üblichen „wie geht’s?“ Geplänkel bald über die politische Großwetterlage diskutiert. Seit meinen Studientagen habe ich das nicht mehr in dieser Intensität erlebt. Es lässt niemanden mehr kalt!

Irgendwie erscheint die Welt in ihren gewohnten Grundfesten erschüttert zu sein. Sie wackelt, aber sie steht – noch!

Noch ist die Großwetterlage eben nur Wetterlage – so richtig konkret hat sich bei den meisten nicht viel geändert. Das drohende Unwetter beeinträchtigt allerdings die Stimmung und die Zuversicht bei den Menschen. Und das spüren wir im Alltag!

Jetzt weitermachen wie bisher – das geht nicht!

Menschlich und unternehmerisch!

Es ist wie auf einem Segelboot vor einem aufziehenden Unwetter. Eine verunsicherte Mannschaft macht leichter Fehler – also redet der Skipper besser mit ihnen. Spricht darüber wie das Unwetter einzuschätzen ist, welches Gefahren- und eben auch welches Chancen-Potential darin liegt, und wie die Strategie aussieht, mit der diese Situation gemeistert werden kann.

Es ist eben Führung gefordert.

Es ist aber auch Mitmenschlichkeit angesagt.

Es ist gut darüber zu reden was wir selbst empfinden. Politische Verwerfungen und Terroranschläge haben immer auch eine persönliche Dimension. Lasst uns darüber reden. Ganz persönlich ist es besser die erschütternden Ereignisse zu benennen und die eigene Erschütterung dabei nicht auszuklammern. Probieren Sie es aus!

Das kann zumindest 2 Effekte haben:

Zum einen nehmen wir diesen Großereignissen die Chance im eigenen Leben übermächtig zu werden. Gefahren, über die wir nicht reden, werden größer und lauern im Hintergrund der eigenen Psyche. Sie führen dort ein Eigenleben und die damit verbundenen Ängste melden sich zum falschen Zeitpunkt in einer falschen Größenordnung. Darüber reden hilft bei der realistischen Einschätzung und manche Besorgnisse wird schon dadurch kleiner, dass wir mit anderen darüber sprechen.

Zum anderen schafft ein solches Gespräch Verständnis und Nähe mit und in der Mannschaft. So ein Gespräch bezieht den Kollegen, die Mitarbeiterin immer als Mitmenschen mit ein. Solche Gespräche sind per se hierarchiefrei. Es werden Themen angesprochen, die uns als Menschen berühren. Wir müssen uns dabei gar nicht einig sein in den Einschätzungen, es geht nicht um recht haben. Aber diese Gespräche schaffen Nähe in einer „Mitmenschlichen Dimension“ unabhängig von der organisatorischen Funktion.

Das hilft dem Team, das hilft der einzelnen Person – und es hilft eben auch dem Skipper, ganz persönlich!

 

Joachim Karnath