Voll authentisch? Eine Antwort

15.11.2017

Letzte Woche schrieb Simon Pfersdorf über die Unmöglichkeit, sich (nicht) authentisch zu zeigen. Unsere Kollegin Birgit Nawrath hat ein anderes Verständnis von “Authentizität”…

Du hast Recht, Simon, das ist kein einfacher Begriff. Ich bin ja eine Freundin der Etymologie und so kommen wir ins Griechische: αὐθεντικός – authentikós  „echt“. Echtheit ist auch der deutsche Begriff, den ich als Erstes mit Authentizität assoziiere. Echtheit als nicht-gestellt, nicht-verstellt, nicht-gefaked. Klar kann kein Mensch einem anderen in diesem Sinne ein Echtheits-Siegel geben, klar bin ich immer die, die ich bin, klar ist jeder Aspekt, jede Facette, die ich zeige, ein Teil von mir. Und trotzdem…

Der Zugang zum Begriff Authentizität ist für mich einfach kein rationaler, wie du ihn gewählt hast, sondern ein zwischenmenschlicher – entschuldige diesen seltsamen Ausdruck, ich werde ihn erklären. Wenn Authentizität tatsächlich Echtheit meint, so muss sie etwas zu tun haben, mit dem (Persönlichkeits-)Kern, der jeden einzelnen Menschen individuell auszeichnet. Es geht bei Authentizität eher um diesen Kern als um situative Verhaltensfacetten. Es geht darum, ob dieser Kern für mich selbst und für andere erkennbar und verlässlich ist.  Darum, ob er von Dauer ist. Für mich hat Authentizität mit der Zuverlässigkeit zu tun, dass andere sich darauf verlassen können, dass was mir heute wichtig und wertvoll ist, wofür ich heute stehe und eintrete, auch morgen noch ebenso wichtig sein wird.

Insofern ist der Satz „Simon ist authentisch“ weniger eine Zuschreibung oder gar eine Diagnose von Simon, sondern eher die Beschreibung einer Wirkung, die er auslöst. Das meine ich mit ‚zwischenmenschlich‘.

Etwas anderes: Eine ganze Reihe von psychologischen Untersuchungen weisen nach, dass Menschen nach einem einminütigen Gespräch mit einem Unbekannten Aussagen über dessen Persönlichkeit machen können, die einen ähnlich hohen Treffergrad haben wie seriöse psychologische Verfahren zur Persönlichkeitsbestimmung. Das gilt insbesondere für Eigenschaften wie Eitelkeit, Selbstsicherheit, Geduld, Kommunikationsfähigkeit, Engagement, Kooperationsfähigkeit. Diese Fähigkeit, andere Menschen erkennen zu können (D. Kehlmann nennt es übrigens „schnelles Denken“), ist es auch, die uns die Echtheit unseres Gegenübers fühlen lässt.

Eigentlich bin ich ganz anders – ich komme nur so selten dazu

Ein Satz des österreichisch-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth taucht regelmäßig in meinen Überlegungen auf, wenn ich mich mit Authentizität beschäftige: „Eigentlich bin ich ganz anders – ich komme nur so selten dazu.“ Das ist übrigens die authentischste Aussage zum Thema Un-Authentizität, die ich kenne.

Die meisten Menschen kennen es, dieses Gefühl, nicht in sich selbst zu sein, sondern neben sich zu stehen, Ansichten und Handlungen lediglich zur Schau zu tragen – eben dieses Gefühl von Unechtheit. Und die meisten Menschen kennen auch dieses andere Gefühl – oder besser dieses andere Bewusstsein, wie es ist, wenn man ganz man selbst sein kann, in seinem Denken, Fühlen und Handeln einfach nur das ausdrückt, was man denkt, fühlt und ist. Wenn wir mit solchen Menschen zusammen sind, fühlen wir: dieser Mensch ist authentisch.