Voll authentisch, oder? – Die Unmöglichkeit sich (nicht) authentisch wahrzunehmen

02.11.2017

Ich so: „Authentizität ist gar nicht möglich. Wir können vielfältig sein und ich versuche lieber bewusst zu entscheiden, wer ich wie in welcher Situation sein möchte“ Die anderen so: „Ich möchte dich als ganzen Mensch erleben und nicht nur in einem Ausschnitt“.

Dieser Gesprächsfetzen ist mir aus einer Diskussion hängen geblieben, die ich vor einiger Zeit als Teilnehmer in einem Persönlichkeitsentwicklungsseminar mit anderen Teilnehmenden vom Zaun gebrochen habe. Thema: Authentizität. Und ja, meine Position war ziemlich kontrovers. Im Kern: Authentizität ist nicht möglich.

Wenn wir die Forderung danach an uns selbst richten, laden wir uns ein zu vergangenen Positionen, Haltungen oder Werten treu zu sein, selbst dann, wenn sie sich nicht mehr bewähren. Viel schlimmer fand und finde ich, dass die Frage nach unserer Authentizität in der Regel von unserem Umfeld (denen, die uns beobachten) beurteilt wird. „Da war er jetzt nicht authentisch“ oder „doch, doch der Simon ist ein oberfränkisches Original“.

Eigentlich ein Widerspruch in sich: Bei Authentizität geht es ja gerade darum, sich selbst bewusst, ehrlich, konsequent und aufrichtig auch gegenüber seinen negativen Seiten zu sein (nach Kern und Goldman). Wie können andere mich also beurteilen, wenn ich es nur selbst kann? Und viel mehr, was maßen andere sich eigentlich an, darüber zu urteilen, ob ich mir selbst ehrlich bin? Als ob andere mich in meiner Gänze kennen und beurteilen könnten.

Genau diese Idee der Gänze, der Ganzheitlichkeit („der ganze Mensch“) ergibt für mich auch keinen Sinn. Der ganze Blick erkennt gar nichts. Unsere Wahrnehmung ist immer selektiv, hat also die berühmten blinden Flecken, durch die wir erst in die Lage versetzt werden, zu erkennen. Wir können erkennen, weil wir Unterschiede machen können. Teilaufklärung über unsere blinden Flecken erhalten wir im Alltag zum Beispiel durch Feedback. Unsere Freund*innen, Kolleg*innen etc. geben uns als Beobachter zu unserem Handeln und unserem Beobachten eine Rückmeldung. Sie sind unsere Beobachter zweiter Ordnung. Weder ich noch andere können mich also in Gänze beobachten – es bleibt immer ein blinder Fleck; und die Beurteilung darüber, ob ich nun als authentisch wahrgenommen werde (oder noch schlimmer authentisch bin), wird zur Selbst- oder Fremdanmaßung.

Natürlich beschleicht auch mich immer wieder der Wunsch, anderen Authentizität zu unterstellen. Der Italiener um die Ecke, der genauso ist, wie in der Toskana. Aber mal ehrlich, wie kann ein italienisches Lokal authentisch sein, wenn es in Italien sicherlich zehntausend verschiedene Arten von Restaurants gibt? Wie kann ein Reiseerlebnis authentisch sein, nur weil wir statt in Luxushotels vom Straßenimbiss essen? Es gibt auch in armen Ländern Menschen, für die Luxus authentisch ist. Anders gesagt: Wenn wir Authentizität in anderen suchen, ist es vielleicht so, dass wir uns in dem anderen wiedererkennen wollen. Was für mich ein authentischer Italiener wäre, fühlt sich für meine italienisch-stämmige Kollegin vielleicht wie ein schlechter Witz an. Das was für andere als authentisch gilt, liegt also immer im Auge des Betrachters.

Wenn ich aber an die Situation damals im Seminar zurückdenke, wurde mir auch gesagt: „Simon du bist halt so wie du bist.“. Ein unschlagbares Argument oder doch nur eine Zuschreibung?

Egal welchen Bedingungen ich ausgesetzt bin, am Ende verhalte ich mich natürlich aus mir selbst heraus. Auch wenn ich mich entscheide, in meinem Verhalten mir gegenüber unehrlich zu sein, gründet dies Verhalten dann doch wieder in mir selbst – und zeigt auch einen Teil von mir. Selbst wenn ich mich entscheiden könnte, nichts von dem zu sein, was ich und andere in mir wiedererkennen, würde mein Verhalten aber immer noch in mir gründen. Ich wäre also doch authentisch. Frei nach Watzlawick können wir uns also nicht nicht authentisch wahrnehmen. Wir sind also nie nicht erkennbar authentisch und damit auch immer authentisch wahrnehmbar und beschreibbar. Aus dieser Sichtweise hat der Authentizitätsbegriff für mich seine Schärfe verloren. Und ich kann gut sagen: „auch ich finde mich authentisch“.

Und als Leser dieses Beitrags würden Sie oder meine damaligen Kolleginnen im Seminar wahrscheinlich auch sagen, ein sehr authentischer Artikel für einen promovierten Soziologen. Und ich würde Ihnen schmunzelnd zustimmen.