Stressige Zeiten: Authentizität wird immer wichtiger

“Sei einfach du selbst“ ist ein Ratschlag, den wahrscheinlich jeder schon einmal gehört hat. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, „besonders“ sollte man sein, ja „einzigartig“ und sollte dies auch immer zeigen. „Was oder wer nicht echt ist, kann ja nicht gut sein“. Kein Wunder, dass viele von uns den inneren Wunsch haben, authentisch zu sein. Und ich glaube der Wunsch ist gerechtfertigt, denn gelebte Authentizität kann uns tatsächlich helfen, unser Leben für uns gut zu gestalten. Dazu braucht es gleichermaßen eine stimmige innere Beziehung sowie Sensibilität im Kontakt mit unseren Mitmenschen und unserem sozialen Umfeld.

VUCA – Die Welt dreht sich und wir können alles entscheiden

Wir leben in einer Zeit mit vielen Veränderungen, werden überflutet mit Informationen und sind dennoch konfrontiert mit großer Unsicherheit. Genauso vermissen viele von uns geteilte Werte, die uns Orientierung geben und Entscheidungen absichern.

Und nichts ist heute mehr vorgegeben – unser Leben hat schon lange seine Planbarkeit verloren.

Die ständigen Veränderungen persönlicher Art, in unserem Umfeld, der technologische Wandel oder globale Entwicklungen verlangen, dass wir uns persönlich immer wieder neu auf Situationen einstellen, Dinge anders machen und neu lernen. Wir sind ganz individuell unter hohem dauerhaften Entscheidungsdruck und können diese Verantwortung auch nicht auslagern. Anders gesehen ist unser Grad an individueller Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung (Autonomie) heute so groß wie nie zuvor.

Unsere Authentizität ist unser inneres Leitbild

Und ich glaube genau deswegen geben wir diesem Wunsch nach Authentizität so viel Aufmerksamkeit. Wenn sich so viel ändert, wir selbst so viel ändern (müssen), dann hoffen wir auf einen stabilen Wesenskern, der zwischen diesen unterschiedlichen Seiten und Ansprüchen des Lebens gut vermittelt.

Ein Wesenskern, der als Kondensat unseres Fühlens, Denkens und Handelns für uns wiedererkennbar ist. Er gibt uns in kritischen Situationen Halt und Orientierung und ist für uns ein inneres Reservoir für Inspiration und Weiterentwicklung. Ja, wir können sogar unsere eigene Vorstellung unserer Authentizität als normatives Leitbild nutzen. Sie hilft uns unsere Autonomie so zu gestalten, dass wir uns und unser Verhalten für richtig halten und auch so fühlen.

Authentizität spiegelt unseren inneren Wesenskerns

Je besser ich meinen Wesenskern (was aktuell da sein könnte), mein Leitbild von mir selbst (wie ich gerne wäre) und mein tatsächliches Verhalten (was tatsächlich ist) miteinander in Einklang bringe, erlebe ich mich als authentisch: also als stimmig, glaubwürdig, zuverlässig, unverfälscht oder sogar wahrhaftig.

Nicht jeder weiß immer sofort, was den inneren Wesenskern auszeichnet. Es gibt Phasen, in denen wir besser und andere Phasen, in denen wir schlechter in Kontakt mit uns sind.

Wie finde ich meine Authentizität?

Um gerade in schwierigen Situationen schnell zu merken, was uns Leitlinie im Handeln geben kann, hilft das achtsame Hineinhören in uns selbst. Warum entflammt unsere Leidenschaft? Was sagen inneres Team bzw. innere Stimmen dazu, die für verschiedene Bedürfnisse und innere Erwartungen stehen?

Daneben helfen im Alltag häufig Meditationstechniken, das Tagebuchschreiben oder die allabendliche Beantwortung einer Frage wie: In welchen drei Situationen habe ich mich heute als bei mir selbst, als authentisch, wahrgenommen und erlebt?

Eine Annäherung finden wir auch häufig in der achtsamen Erkundung von Fragen nach den inneren Werten, des Lebensziels und -sinns oder der eigenen Identität. Für derartige Fragen können Persönlichkeitsentwicklungsseminare, Selbsterfahrungstage oder Coaching ein gutes Setting bieten.

„Wer sich selbst versteht, kommuniziert besser“

Was das auch bringt, hat der Kommunikationspsychologe Schulz von Thun treffend beantwortet: „Wer sich selbst versteht, kommuniziert besser“. Wir sorgen durch unsere innere Klarheit dafür, dass andere uns besser verstehen. Dann kann es leicht passieren, dass andere uns für authentisch halten.

Ich glaube, durch unsere nach außen getragene innere Klarheit werden wir leichter anschlussfähig an andere; wir erzeugen so Resonanz mit anderen. Das heißt wir kommen mit anderen in Schwingung – im Fühlen, im Denken und im Handeln.

Feedback hilft, die eigene Authentizität zu schärfen

Dazu braucht es aber mehr als nur den klaren Selbstausdruck im Einklang mit dem inneren Leitbild. Genauso wichtig ist es die Situation gut einschätzen zu können und zu verstehen, welches Verhalten gerade jetzt in diesem Kontext und mit diesen anwesenden Menschen gut passt. Deshalb spricht Schulz von Thun hier von den notwendigen Schwestertugenden zur Authentizität: dem Takt, der Sensibilität und der Diplomatie.

In diesem Sinne können uns auch andere unterstützen, indem sie uns Feedback geben; dazu, wie klar sie uns erleben, wie glaubwürdig, zuverlässig, unverfälscht oder sogar wahrhaftig wir „rüberkommen“ und genauso wie taktvoll, sensibel oder diplomatisch unser Verhalten wahrgenommen wird. Mit Feedback können wir lernen klarer zu werden und unser eigenes inneres Bild weiter zu entwickeln.

Allem voran: authentisch ist, wer bei sich ist

Und Feedback dürfen wir auch ablehnen. Denn wir sind nicht authentisch, wenn wir es anderen recht machen, sondern wenn wir bei uns sind. Wir können uns gegenüber entspannt und großzügig sein. Und ich wünsche mir, dass wir uns individuell ein Leitbild geben, das unserer Buntheit und Vielfältigkeit entspricht.