Meeting Fanita English – 102 Jahre Geschichte, Mensch und Vorbild

Fanita English zählt zu den führenden Figuren der Transaktionsanalyse (TA). Professionell hat sie uns beeinflusst, privat sind wir mit ihr befreundet. Joachim Karnath hat die 102-Jährige Anfang des Jahres in den USA besucht.

Februar 2019, nach einem Flug über das Grönland-Eis und die kanadischen vereisten Nord-Territorien schwebe ich ein über die Bay Area.

Wir fliegen westlich der Golden-Gate-Bridge nach Süden, drehen in der Gegend von Palo Alto nach Norden und aus dem Fenster des Flugzeugs sieht das Wasser schon recht nahe aus.

Ich habe eine Woche Zeit, Zeit um mein schlechtes Gewissen zu reduzieren (ich war seit 2,5 Jahren nicht mehr hier, seit ihrem 100sten Geburtstag), mir ein Bild zu machen, wie es ihr geht, Zeit um einem Menschen nochmal nahe zu sein, der das Ende direkt vor sich weiß. Und auch Zeit um meine eigene Geschichte mit ihr wieder mal ins Bewußte zu holen.

Unvergessliche TA-Workshops mit Fanita English

Als ich Fanita das erste Mal begegnet bin, war ich in meinen frühen 30ern und sie war eine Frau um die 70. Um ihr Alter hat sie damals ein Geheimnis gemacht. Zu ihrem Ausbildungsseminar bin ich eigentlich nur noch hingefahren, weil sie einen guten Ruf hatte und weil ich schon bezahlt hatte. Der 101-Kurs in TA davor mit jemand anderes war eher zum Abgewöhnen.

Dieses Seminar mit Fanita war anders. Fanita war eine unvergleichliche Mischung aus chaotischer Organisation und strikten Versuchen, diese durch Vereinbarungen – eben CONTRACTE – mit den Teilnehmer/innen immer wieder in Griff zu bekommen. Sie dominierte das Geschehen zum Auftakt extrem und hatte gleichzeitig eine unglaubliche Gabe Menschen zum Sprechen zu ermuntern und die Zwischentöne des Erzählten aufzugreifen. Das alles in einer Sprache, die nicht die ihre war und ist.

Was verstehbar war, war auch lösbar

Sie folgte mit ihren Fragen einer Logik, die sich in dem Moment erschloss, als sie die Frage stellte. Durch die Frage war mir unmittelbar klar, welcher Aspekte sie interessierte, und welche Bedeutung die Antwort haben konnte. Was magisch erschien war doch durch und durch rational, gesteuert durch ihre Intuition.

Sie nahm alle Menschen an, mit deren verqueren, unklaren Geschichten und konfrontierte sie gleichzeitig. Zielgenau und eigentlich immer mit einem Lächeln. Ein ermunterndes Lächeln, kein Auslachen, ein menschliches Lächeln, in dem sich auch extrem schwierige Themen auflösen konnten. Was verstehbar war, war auch lösbar.

Was ich von Fanita gelernt habe

Die Art wie sie arbeitete, faszinierte mich. Sie gab mir eine Idee, wie wir Menschen funktionieren und wie man hilfreich mit ihnen arbeiten konnte.

Und ja, sie hat mich in einer Live-Beratung auch darin bestärkt, dass ich ein Talent dazu habe und es doch weiter entwickeln soll.
Das habe ich dann auch getan.

In den folgenden Jahrzehnten habe ich von ihr gelernt, sowohl methodisch als auch, was die persönliche Haltung in unserem Beruf angeht. Ich habe von ihr gelernt, dass es gut ist, mit dem Lernen und Weiterdenken nicht aufzuhören. Aber auch, wo sich ihre Grenzen befinden. 

Nicht mit allen Teilnehmenden konnte sie immer gut arbeiten. Sie kann für sich selbst eine komplizierte Frau sein, weil sie auch Dinge unter Kontrolle halten will, von denen sie doch nicht so viel versteht.

Ich habe Workshops mit ihr veranstaltet, mal auch gemeinsam geführt soweit sie das zugelassen hat, und ein Buch für sie auf den neusten Stand gebracht. Sie kennt meine Familie und sie kennt viele mit denen ich die CONTRACT gemeinsam aufgebaut habe. Ich kenne ihre Familie, Freunde und Kolleg/-innen in der Transaktionsanalyse.

Nicht mit allen Teilnehmenden konnte sie immer gut arbeiten

Wir sind schon lange Freunde mit Besuchen diesseits und jenseits des Atlantiks.

Seit einigen Jahren reist sie nicht mehr, was Fanita die Nomadin vermisst. Ihre Gesundheit erlaubt es einfach nicht mehr – und so ist es mein Job einzufliegen.

Die Maschine setzt auf in SFO. Das Schicksal in Form der US-Immigration Authority ist mir gewogen und schon nach einer guten halben Stunde bin ich in ihrem Apartment.

Fanitas Pass: ein Amerikanischer
Ihr Mindset: das einer Weltbürgerin

Helloo! Es ist die gleiche Stimme, die gleiche Intensität, die gleiche Neugier in der Luft.

Ein Flash-Back in die letzten 30 Jahre kombiniert mit einer Hier-und-Jetzt-Umarmung. Mich empfängt ein wacher Blick, ein großes Lächeln, Erwartungsfreude und ein paar kleinere Kommandos an mich.

Fanita English

Sie bestimmt meinen Sitzplatz und sie strukturiert mal eben den zeitlichen Ablauf des restlichen Tages.

Sie sitzt im Rollstuhl, ist physisch ein Pflegefall und kristallklar in der Kommunikation. Sie dirigiert ihren kleinen Stab an Pflegekräften auf Englisch und kommentiert gleichzeitig auf Deutsch, von welcher sie was hält und von welcher nicht.

Ihr aktueller Pass ist ein amerikanischer, ihr Mindset ist der einer Weltbürgerin – im besten Sinne. Ihr Lebensweg begann 1916 in Rumänien als Kind einer gutbürgerlichen, jüdischen, eher säkularen Familie. Aufgewachsen im Melting Pot Istanbul, Ausbildungen in London und Wien, Studium in Paris, auf Flucht vor den Nazi und auf Umwegen in die USA gelangt, von dort aus beruflich aktiv und hochgeschätzt in Europa, Indien und Japan. Sie hat eigentlich keine Muttersprache, spricht aber mindestens fünf Sprachen fließend.

Hochgeschätzt in Europa, Indien und Japan

Sie brachte die Transaktionsanalyse &
Gestalt-Therapie nach Deutschland

Sie war und ist immer noch offen für die Vielzahl von Kulturen. Nicht zuletzt war sie als eine der Ersten bereit, Transaktionsanalyse und Gestalt-Therapie nach Deutschland zu bringen – in das Land, in dem die Nazis geherrscht und Menschen wie sie ermordet und vertrieben haben.

Sie mag Menschen, was sie nicht daran hindert, Menschen auch negativ zu beurteilen – siehe oben :-).

Der Rollstuhl wird eingepackt und mit dem Mietwagen geht es durch die Bay Area. Am liebsten mit einem Blick auf den Pazifik. 

Auch wenn ihr das Ein- und Aussteigen schwerfällt, immer wieder halten wir an und „gehen“ mit dem Rollstuhl ein Stück. Dazwischen Fragen zu meiner Familie, meiner Firma, meinen Projekten, zur deutschen oder europäischen Politik – selten werde ich so „ausgefragt“ und um meine Meinung gebeten wie in diesen kalifornischen Tagen. 

Auch wenn sie immer wieder einfließen lässt, dass sie froh ist die aktuellen Entwicklungen zu autoritären Regimen und Führungsfiguren nicht mehr lange miterleben zu müssen, sie hat mit dieser Welt nicht abgeschlossen.

Ihr Werk ist über Jahrzehnte verteilt in verschiedenen Medien und Sprachen gedruckt worden. Im Rahmen des Legacy Projects haben wir die wesentlichen Beiträge zusammengetragen.

Sie schreibt gut und im besten Sinne alltagstauglich, aber sie ist besser, wenn sie erzählt. Deshalb habe ich mich vor ein paar Jahren mit ihr vor die Kamera gesetzt – siehe  www.fanita-english.com.

Menschen ist dann am besten geholfen, wenn sie sich selbst und ihr So-Sein verstehen

Ihre Beiträge zur TA–Transaktionalen Analyse sind vielfältig. Ihre Modelle und ihre theoretischen Aufsätze fügen sich nicht unbedingt zu einer voll-umfänglichen Persönlichkeits-Theorie zusammen. Aber sie folgen einer grundlegenden Idee: Menschen ist dann am besten geholfen ist, wenn sie sich selbst und ihr So-Sein verstehen. Sich verstehen erhöht die Chance sich zu akzeptieren. Den Rest schaffen die Menschen dann schon selber – jedenfalls mit wiederkehrender Ermutigung im Gepäck.

Die Ordnung des Alltags zu überlisten - Fanita English pur

Abends Theater! Nach ihrem Geschmack soll es eher konventionell als modern und provokativ sein. Ihren Rollstuhl und ihr Alter setzt sie ein, um Privilegien zu erhalten – also an der Kassenschlange vorbei und gerne auch in der ersten Reihe sitzen. Ihrer Tochter und mir kann das manchmal schon peinlich sein. Sie dagegen kann uns kindlich-verschmitzt anlächeln, wenn ihr mal wieder gelungen ist, die Ordnung des Alltags zu überlisten.

Tagsüber in ihrem Apartment. Wir haben lange Gespräche zu neuen Entwicklungen in den psychologischen Wissenschaftsgebieten, zur Philosophie und zur Spiritualität. Der Stoff geht uns nicht aus. Wir reden über das Leben und über das Lebensende. Fanita liest immer noch viel und sie denkt über Vieles nach. Sie hat Meinungen und sie kann zuhören. Sie ist immer noch auf dem Weg auch und gerade, weil sie sich auf ihr Ende einstellt.

Das Erlebte fühlt sich leicht und gewichtig zugleich an

Eine Woche später, ich sitze in der Lounge auf dem Airport SFO. Ich warte auf meinen Flieger. Ich lasse die letzten Tage vor meinem inneren Auge vorbeiziehen. Die Bilder und die Gefühle halten mich von der Arbeit ab. Das Erlebte fühlt sich leicht und gewichtig zugleich an.

Es war gut hier zu sein und mit diesem „Handgepäck“ fliege ich gerne zurück in meinen Alltag.

  • Wenn Sie die Transaktionsanalyse interessiert, informieren Sie sich gerne bei uns über mögliche Workshops – ob für Ihre MitarbeiterInnen, Ihre Führungs-Crew oder als persönliche Weiterbildungsmaßnahme.
  • Video-Interviews mit Joachim Karnath und Fanita English finden Sie hier
  • An’s Herz legen möchten wir Ihnen das Buch “Lebenscoaching” von Fanita English und Joachim Karnath.
  • An’s Ohr legen möchten wir Ihnen außerdem den Podcast “Transaktionsanalyse für’s Ohr“.