Familienunternehmen – ein Qualitätssiegel, das man sich erst verdienen muss

Familienunternehmen haben Konjunktur – das zeigt sich in den Medien, in der Wertschätzung der politischen Klasse und inzwischen auch in eigenen Studiengängen.

Was mal als altmodisch galt, ist heute modern – und manche traditionellen Werte lassen sich sehr fortschrittlich interpretieren und weiterentwickeln. Ich weiß, wovon ich rede – schließlich bin ich in eine Unternehmerfamilie hinein geboren, leite heute den Beirat einer Maschinenfabrik, die meinen Nachnamen trägt und habe nicht zuletzt selbst eine Art Familienunternehmen gegründet – die CONTRACT!
3 Aspekte machen diese „Tradition“ für mich besonders deutlich:

1) Familienunternehmen haben für die Familie einen eigenen Wert. Sie sind (eigentlich) nicht verkäuflich. Verkauf ist eigentlich eine Niederlage. Damit ist das Unternehmen kein Spekulationsobjekt. Bei uns in der CONTRACT orientieren sich die Anteile am Nennwert – und so werden wir sie auch an die nächste Unternehmergeneration weiter geben.

2) Familienunternehmen denken in langfristigen Beziehungen. Das betrifft sowohl ihre Mitarbeitenden als auch ihre Kunden und nicht zuletzt die Gesellschafter. Wenn es gut gemacht wird, entsteht daraus ein nachhaltiges Geschäftsmodell.
Intern hat das auch Effekte – positive wie negative. Positionen werden eher auf Personen zugeschnitten und die Aufgaben können mit dem Wachstum der Person weiter entwickelt werden. Soweit so gut! Andererseits gilt das auch für meinen Chef! Wenn ich mit dem persönlich nicht kann, muss ich eigentlich die Firma wechseln. Braindrop hat eben viele Ursachen!
Das Beziehungsnetzwerk und die interne Kultur sind keine Selbstläufer und brauchen die regelmäßige Pflege! Das gilt auch für uns im eigenen Hause – gerade weil wir diesen Job für andere als Dienstleistung erledigen.

3) In Familienunternehmen können schnell Entscheidung gefällt werden. Dazu braucht es ein Klima des Mutes. Das gilt für die Mitarbeitenden genauso wie für die Führungskräfte. Die sprichwörtliche Tür offen zu halten und sich vom eigenen Team fordern zu lassen, auch und gerade bei unbequemen Entscheidungen, das erfordert Mut – von der Chefetage aber eben auch von den Mitarbeitenden, die durch diese Tür gehen müssen. Ohne diese Kultur des Mutes verkommt ein Familienunternehmen – und wird meist ein Museum früherer Erfolge!
Moderne Familienunternehmen sind für mich solche, die sich als ein System begreifen – das die Gesellschafter, die Mitarbeitenden, das ökonomische und soziale Umfeld als Bestandteil ansieht. Verantwortung, Dynamik und Menschenfreundlichkeit sind für mich wesentliche Charaktermerkmale von solchen Unternehmen.

Was mal patriarchal, traditionell und oft autoritär gedacht war und gelebt wurde, können wir für unsere Zeit neu definieren. Gerade als eine Person, die in den 70er-Jahren studiert hat, für Emanzipation in vielerlei Hinsicht eingetreten ist und sehr wohl gegen alte Muster rebelliert hat, war ich doch überrascht, wie viel von diesem ideellem Erbe sich mit den Leitideen unserer Generation verbinden lässt.

Das lässt mich heute mit der gleichen Zuversicht und Gelassenheit den Beirat der Maschinenfabrik leiten, wie meinen Einfluss in der CONTRACT wahrzunehmen oder mich im anthroposophischen Unternehmensverbund Neuguss engagieren.

Irene Reifenhäuser