Wie Stiftungen in polarisierten Zeiten Demokratie verteidigen, Räume für Neugier öffnen und den Zusammenhalt stärken. Eine Nachlese aus Hamburg.
Letzte Woche vom 20.-21. Mai 2026 traf sich die Stiftungswelt in Hamburg zum Deutschen Stiftungstag, dem größten Stiftungskongress Europas unter dem Motto „Aus Freiheit handeln“.
Unter dem Eindruck globaler Krisen und einer zunehmend polarisierten Gesellschaft stand eine Frage im Zentrum, die auch uns als CONTRACT Stiftung sowie auch unsere Beteiligungsunternehmen tief bewegt: Welche Rolle spielen wir in diesen bewegten Zeiten? Wir alle, denen Menschen, Beziehungen und ein gutes Miteinander am Herzen liegen?
Die Antwort des Stiftungstags, die aus den zahlreichen Vorträgen und Diskussionen hervorging, ist eindeutig: Wir müssen lauter werden, wir müssen mutiger werden – und wir müssen Räume für echten, analogen Dialog schaffen.
Ein zutiefst emotionaler Auftakt: Stimmen für die Freiheit
Bereits die Eröffnung setzte ein eindrückliches Zeichen. Auf der Bühne kamen drei Stimmen aus unterschiedlichen Kontexten antidemokratischer Strukturen zu Wort: Eine Stimme aus dem Iran, eine aus der Türkei und eine Schülerin aus Deutschland, die von einer AfD-Diskussion mit ihrem eigenen Großvater berichtete. Als die Rednerin aus dem Iran sprach, breitete sich eine spürbare Emotionalität im Raum aus, die schließlich in Standing Ovation des gesamten Saals mündete. Ein Moment, der allen Anwesenden schmerzhaft, aber auch hoffnungsvoll vor Augen führte, wie kostbar und verteidigenswert unsere demokratischen Freiheiten sind.
Medien, Vertrauen und die Verteidigung der Demokratie
Im anschließenden Bühnengespräch mit Giovanni di Lorenzo (Chefredakteur Die ZEIT) wurde deutlich, wie eng Journalismus und Stiftungswesen in ihrer gesellschaftlichen Verantwortung verbunden sind. Beide leben von ihrem größten Schatz: der Glaubwürdigkeit. Di Lorenzo sparte dabei nicht mit Selbstkritik an den klassischen Medien, die in Krisen oft zu sehr aus der eigenen Blase agiert und die Perspektiven vieler Menschen aus dem Blick verloren hätten.
Für Stiftungen leitete sich daraus ein klarer Auftrag ab: In Zeiten, in denen Vielfalt oft als Bedrohung wahrgenommen wird, müssen wir diese Vielfalt aushalten und Plattform für respektvollen, demokratischen Streit sein. Freiheit ist kein starrer Zustand, sie ist eine Handlung. Dazu kann jede und jeder einzelne einen wichtigen Beitrag leisten und in den echten Dialog treten – auch wenn dieser manchmal unbequem sein kann. Sich zu positionieren, empfinden wir als Selbstverständlichkeit.
Deepfakes und der Rückzug der Zivilgesellschaft
Wie bedroht diese Freiheit im digitalen Raum ist, beleuchtete Eckart von Hirschhausen in einem ebenso aufrüttelnden wie inspirierenden Vortrag. Deepfakes und gezielter digitaler Hass führen dazu, dass sich die Zivilgesellschaft immer weiter zurück zieht – aus Angst, selbst ins Visier zu geraten. Tech-Konzerne nehmen diese Stimmung der Verunsicherung für Profite bewusst in Kauf. Wenn niemand mehr weiß, was echt ist und was gefälscht, schwindet das Fundament unserer Meinungsfreiheit. Katrin Vernau (Intendantin des WDR/ARD) betonte passend dazu, dass eine echte Meinungsbildung darauf basieren muss, dass man sich eine fundierte Meinung erarbeitet und nicht ungeprüft irgendetwas glaubt.
Die Pinguin-Metapher: Warum wir zusammenrücken müssen
Hirschhausens stärkster Impuls war ein Plädoyer für das Analoge: Was wir jetzt brauchen, sind echte Begegnungen von Mensch zu Mensch – ein „sich in die Augen schauen“ können. Er nutzte die Metapher von Pinguinen, die in eisiger Kälte nur überleben, weil sie ganz eng zusammenstehen. Dabei geht es nicht darum, wer in der ersten Reihe steht, sondern darum, sich abzuwechseln und füreinander einzustehen. Dieser Tenor spiegelte sich auch am Abend beim informellen Empfang des ZEIT-Verlags wider (inklusive eines beeindruckenden Besuchs im historischen Helmut-Schmidt-Büro): Wir müssen enger zusammenrücken, um die Zeiten aktiv zu gestalten und die demokratische Mehrheit wieder sichtbarer zu machen.
Neugier als demokratische Tugend: Das Beispiel „Wunderkammer“
Dass dieser Wandel schon bei den Kleinsten beginnen muss, zeigte der Slot „Gemeinsam Freiräume erschaffen“ der Wunderkammer aus Hamburg – eine, wie wir finden, großartige Kooperation zwischen einem Museum und einer Stiftung. Die Wunderkammer denkt Ausstellungen radikal vom Kind aus und ist mit ihrer „Wanderkammer“ auch an Schulen verfügbar, die entfernungsbedingt nicht zu ihnen kommen können.
Hier geht es nicht um fertige Antworten, sondern um Impulse, die die natürliche Neugier erhalten. Durch das gemeinsame Philosophieren über Objekte lernen Kinder kritisches, zerlegendes Denken. Der wunderbare Satz „Denken ist aufräumen“ blieb uns besonders im Gedächtnis. Ein wichtiger Impuls auch für uns Erwachsene: In einer Welt, in der scheinbar alles vorgegeben und durchgetaktet ist, brauchen wir wieder mehr Freiräume um frei zu denken.
Fazit: Der Deutsche Stiftungstag hat gezeigt: Wir stehen alle gemeinsam vor der Aufgabe, Brücken zu bauen. Lassen Sie uns gemeinsam handeln, Räume für Dialog öffnen und die Neugier lebendig halten – ganz im Sinne der Pinguine: gemeinsam stark und in Verbindung miteinander.
Theresa Pfleghar & Katrin Saacke
